Jubiläres Unvermögen

Der Pfarrer grummelte, dass er während des Weihnachtsoktav bis ans andere Ende der Welt, nach Litoměřice, fahren müsse, um dort zwingend an der Eröffnung des Jubiläumsjahres teilzunehmen, dessen Sinn trotz der Hirtenbriefe er noch nicht entschlüsseln konnte. Grummeln tat er, aber er fuhr. Denn wenn der Papst und der Bischof befehlen, ist es besser zuzuhören als zu meckern. Er motivierte sich zur Reise mit dem Gedanken an die Flucht der Heiligen Familie vor Herodes nach Ägypten, was auch kein Ausflug war, auf den sich jemand freuen würde. Am Ende stellte sich heraus, dass es ausgezeichnet war. Schließlich hatte der Pfarrer so niedrige Erwartungen, dass er nicht anders als angenehm überrascht werden konnte.
Die Reste der Zweifel über das Jubiläumsjahr bleiben jedoch. Der Pater ist ein Nörgler und fragt sich daher unangemessen, wozu eigentlich die heiligen Tore dienen, zu denen in diesem Jahr Pilgerreisen unternommen werden sollen. Einst im Jahr 1300 unter Papst Bonifatius VIII., der das allererste Jubiläumsjahr ausrief, bedeutete das heilige Tor den Zugang zu vollkommener Ablass. Aber laut dem aktuellen Kirchenrecht ist dieser auch durch das Gebet des Rosenkranzes in der Kirche oder durch das Nachsinnen über die Heilige Schrift erreichbar. Damals im Mittelalter waren Ablässe ein schwer zu bekommendes Produkt, nach dem große Nachfrage bestand; heutzutage ist es ein Produkt, das jederzeit verfügbar ist und die Nachfrage gering ist.
Wenn der Pfarrer den Sinn des Jubiläumsjahres im Ablass nicht findet, wonach sollte er es dann suchen und was sollte er in diesem Jahr, dessen einzigartige Wichtigkeit von allen Seiten betont wird, eigentlich tun? Im Jahr des hl. Paulus konnte er zum Beispiel alle seine Briefe aufmerksam lesen, im Jahr der Priester könnte er täglich besonders für die Diener der Kirche beten. Aber wie man regelmäßig jubilieren soll, weiß er nicht.
Am Ende entschied er sich jedoch, nicht zu jammern, sondern besser darüber nachzudenken, wie er zu etwas Tragfähigem gelangen könnte. Zwei tragfähige Anregungen kamen ihm in den Sinn, und er ist bereit, eine zu teilen (die andere wird er Ihnen vielleicht später von der Kanzel zuflüstern).
Jubiläumsjahre beziehen sich also auf die alttestamentliche Tradition des Erlassjahres, in dem – alle fünfzig Jahre – die Sklaven freigesetzt und Schulden erlassen wurden. Was also, wenn man dieses Jahr als großen Beziehungsneustart begreift? Mit einigen Menschen haben wir bereits unsere Erfahrungen gemacht und unser Herz gegenüber ihnen eingekapselt, weil wir keine weiteren Verletzungen wollen. Einmal alle fünfundzwanzig Jahre könnte es sich lohnen, einem solchen entfernten Nächsten entgegenzukommen – wahrscheinlich werden wir wieder enttäuscht sein, aber vielleicht auch angenehm überrascht. Der gute Gott vergibt barmherzig auch schon tausendfach alles, was wir vermasselt haben, sobald wir zu ihm um Vergebung flehen. Er vergibt nicht nur, sondern vergisst sogar und stellt seine Beziehung zu uns wieder her. Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollten wir in diesem Werk Nachahmer werden? Teil des Neustarts könnte auch die Bereitschaft sein, alte Schulden in Geschenke zu verwandeln. Der Pfarrer wird versuchen, ein Beispiel zu geben und nicht mehr feindlich auf die Schandflecke zu schauen, die eines seiner Bücher auf ihrem Nachttisch liegen haben.
P. Štěpán Smolen